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Zschadraß am Mittwoch, den 15. April 1868: Zwei Kranke aus der Landesversorgungsanstalt Colditz ziehen mit einem Krankenwärter und seiner Familie in das ehemalige Bauerngut von Friedrich August Wilhelm Stecher ein. Am 6. Mai folgen weitere acht Kranke und ein Wärter in das Gut nach. Seit diesem Tag im April sind 150 Jahre vergangen, in denen die Klinik das ein ums andere Mal mit innovativen Behandlungskonzepten aufwarten konnte, die überregional von Bedeutung waren.

Dem Beginn der Patientenbehandlung am Standort Zschadraß gingen das Suchen und Ringen nach neuen Möglichkeiten für eine ausgedehnte Beschäftigung von Kranken in freier Umgebung voraus, die in der 1829 gegründeten Landesversorgungsanstalt Colditz für "unheilbar Geisteskranke" kaum gegeben waren. Das auf einem schmalen Felsrücken gelegene historische Renaissance-Schloss Colditz gestattete nur wenig Raum für notwendige Veränderungen.


Mit der Annahme von Vorschlägen des Reformpsychiaters Dr. Wilhelm Griesinger zur Verbesserung der Situation in der „Irren-Pflege“ durch freie Pflegeformen, beschloss die sächsische Regierung die Errichtung einer „Irren-Colonie“ mit landwirtschaftlicher Wirtschaftsweise in der Nähe von Colditz. Das Vorhaben zielte ferner darauf ab, die Überbelegung in der Schlossklinik zu verringern und die aufkommenden Ernteerträge zu nutzen. Dr. Friedrich August Hermann Voppel, Direktor der Landesanstalt Colditz, bot bereitwillig an, die Einrichtung einer solchen Kolonie zu übernehmen.

Somit erwarb 1868 der sächsische Staat in dem Dorf Zschadraß für die Versorgungsanstalt Colditz zwei Bauerngüter mit 66 Acker Land zur Errichtung einer "agricolen" (landwirtschaftlichen) Kolonie als Außenabteilung der Versorgungsanstalt. Für die Wahl dieses Ortes sprach neben seiner unmittelbaren Nähe zur Mutteranstalt im Schloss auch die Struktur dieses Dorfes mit seinen zehn Gütern und Anwesen, ohne Schule, ohne Kirche und ohne Wirtshaus.

Die Kolonie entwickelte sich positiv. Bis zum Ende des Jahres 1868 zählten die beiden Güter bereits 72 Patienten. Sie fanden bei Feld- und Stallarbeiten Beschäftigung. „Unter dem Einflusse gesunder und in ihren Zielen als vorteilhaft erkannter Tätigkeit erwerben sie [die Kranken] ein Gefühl wohltuender Befriedigung, welches sich bei ihnen durch den Vergleich zwischen dem Leben in der geschlossenen Anstalt und dem in der Meierei immer mehr befestigt, und sie im Widerstande gegen das Überwuchern krankhafter Ideen und Triebe kräftigt.“
(Fünfter Jahresbericht des Landes-Medicinal-Collegiums über das Medicinalwesen im Königreich Sachsen auf die Jahre 1872 u. 1873. DD. 1875, S. 147)

Mit dem Bau von drei Baracken in den Jahren 1873-75 wurden Schlaf- und Wohnräume für weitere 180 Kranke geschaffen. Eine vierte Baracke für 16 Kranke der wohlhabenderen Klassen ist noch heute erhalten. Durch die neue Bebauung erfuhr die Kolonie eine enorme Erweiterung. Das alte Bauerndorf Zschadraß wurde bis 1897 fast vollständig vom sächsischen Staat aufgekauft. Im Zuge dieser Ausweitung entwickelte sich die Vielfalt der ökonomischen Arbeiten. Neben der Feld- und Viehwirtschaft kamen Hof- und Gartenarbeiten, Reparaturen an Gerätschaften, Schneiderei, Schuhmacherei. Besenbinden, Strohflechten usw. hinzu. „Diese Mannigfaltigkeit der Arbeiten gestattet es, jeden Verpflegten nach seinen individuellen Neigungen, seinem Geschick und seinen Kräften zu beschäftigen.“
(Dr. Köhler: Vierjähriger Bericht über die Irren-Anstalt Colditz mit der Meierei Zschadrass von 1880 bis mit 1883. Colditz, 1884, S. 27)

In der Kolonie Zschadraß wurden im Jahr 1873 160 Kranke verpflegt. 1884 befanden sich 275 Kranke in Zschadraß, was etwa ein Drittel aller Kranken der Landes-Versorgungsanstalt Colditz ausmachte.

Als Abteilung der Versorgungsanstalt Colditz gegründet, war die Kolonie Zschadraß immer bei der medizinischen Versorgung sowie in wirtschaftlichen, verwaltungstechnischen und kulturellen Angelegenheiten von der Mutteranstalt abhängig. Dabei prägte sie die Anstaltspsychiatrie Sachsens entscheidend mit. Die weitere Entwicklung der Kolonie Zschadraß forderte eine eigene zentrale Organisation und Verwaltung. Im Zuge der "Reorganisation des Irrenanstaltswesens" sollte die Außenstelle Zschadraß von ihrer Mutteranstalt Colditz losgelöst und zur eigenständigen Anstalt bestimmt werden. Am 1. Juli 1894 wurde Zschadraß von der „agricolen Kolonie“ in eine „koloniale Heil- und Pflegeanstalt“ umgewandelt. Dieser Tag gilt bis heute als Gründungsdatum der Klinik, innovative Behandlung fand zu diesem Zeitpunkt aber schon viel länger statt.

„Der Gedanke der freien Behandlung und der ärztlich geordneten Beschäftigung der Geisteskranken mit landwirtschaftlichen und gärtnerischen Arbeiten, der zur Gründung der agrikolen Kolonie Zschadraß geführt hat, ist bis heute der leitende Gedanke in der aus ihr entstandenen Anstalt geblieben.“
(Dr. Hösel: 50 Jahre agricole Kolonie Zschadraß. In Leipziger Zeitung v. 15. April 1914 / DWZ-Archiv Akte Nr. A. I. I., Blatt o.Nr.)